| |  | Anneliese Priller-Rauschenberg | | | | Geb. 1930 · Eltern Waldemar und Anna Rauschenberg, drei Geschwister – eine ältere Schwester und ein älterer Bruder, ein jüngerer Bruder · wohnhaft damals in der Holweider Str. 53 · Die mütterliche Großmutter lebte dort ebenfalls · Ab 1933/34 im katholischen Kindergarten Holweider Straße · 1936 in der katholischen Volksschule Holweider Straße · Während des Krieges zeitweilig im damaligen Schneidemühl in Westpreußen bei Verwandten · Frau Priller-Rauschenberg lebt heute mit ihrem Mann in Bergisch-Gladbach |
In Köln-Mülheim Dort, wo heute das Genovevabad steht, wurde ein großer Bunker gebaut – hinter dem Schulhof der Volksschule befand sich ein Krankenhaus. Der Drill für uns Kinder begann mit dem Eintritt in die Hitlerjugend, Jung-Mädel und Jung-Volk. Die Lieder, die wir singen mussten, sind mir noch heute mit allen Strophen wie eingeimpft, z.B. „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Weil hinter unserer Schule ein bombensicherer Bunker gebaut werden sollte, fand kein Unterricht mehr statt. Wir Kinder wurden auf andere Schulen verteilt. Unser Schulweg war jetzt weiter und der Unterricht fand behelfsmäßig im Keller statt. Beim Bau des Bunkers wurden französische Kriegsgefangene unter Bewachung eingesetzt.
In Schneidemühl Auch unsere Eltern hatten vor, uns für ein paar Wochen zur Tante Therese, der Schwester unserer Mama zu schicken. Sie wohnte in Pommern, Westpreußen. Züge, bestehend aus Viehwaggons machten hier halt. Die Dampflok musste mit Wasser und Kohle aufgefüllt werden. Aber es war kein Viehtransport. Schreiende Menschen waren es, die ihre Hände durch die oben mit Stacheldraht verhauene kleine Öffnung reckten. Vor den Waggons patrouillierten Kettenhunde, wie ich sie nannte. Es war die Feldgendarmerie. Allein ihr Anblick machte mir Angst. Sie trugen Breecheshosen, hohe Stiefel, eine große, halbrunde Marke an einer Kette um den Hals und eine Peitsche in der Hand, womit sie auf die flehenden Hände schlugen. Und Schäferhunde hatten sie dabei. Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte und warum diese Grausamkeit. Jeden Tag das Gleiche. Von da an habe ich nie mein Schulbrot gegessen.
Die Todesnachricht vom älteren Bruder Heinz Das Allerschlimmste für mich war, als ein Brief aus Estland kam, der an unsere Mama adressiert war. Weil sie aber schon in Köln war, öffnete ich den Brief. Darin stand geschrieben: „Vom 20. auf den 21. Juli 1944 wurde Ihr Sohn, der Matrose Heinz Rauschenberg durch einen Volltreffer von dem unser Schiff getroffen wurde, schwer verwundet an Kopf, Bauch und Beinen aus dem Wasser geborgen.“ Für mich brach eine Welt zusammen. Wir hatten immer noch Hoffnung gehabt, dass er durchkommt. Aber das Schicksal wollte es anders. Der Nachbar war so erschüttert und brachte uns erst drei Tage später nach Erhalt die Nachricht. Die Trauer war unbeschreiblich. So blutjung, erst achtzehn Jahre alt und voller Träume. Wir haben es nie verwunden.
Der schwarze Samstag in Mülheim Es war Samstag, der 28. Oktober 1944, ein strahlend schöner Herbsttag. Wir ließen alles stehen und liegen, um so schnell wie möglich in den Bunker zu kommen. Wir hatten nichts dabei, nur uns. Vor dem Bunker schon großes Gedränge. Wir kauerten zwei Stockwerke unter der Erde und bete- ten um unser Leben. Die Kinder, die sonst gesungen haben, schrieen jetzt zum Gott-Erbarmen. Der Bunker schaukelte und bebte auch noch zwei Stockwerke unter der Erde. Als wir endlich raus kamen, es war gespenstisch. Ich sah tote Nonnen vom Krankenhaus, die da lagen. Am Bunkereingang einen toten, vielleicht achtjährigen Jungen, den ich kannte, eine Holzplatte schräg über sich. Allen war von der Luftmine die Lunge geplatzt. Sie lagen da, als schliefen sie. Unsere Straße brannte drei Wochen lang. |
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Fragen von Ahmet Ibis
Was würden Sie jetzt anders machen? Haben Sie noch Kontakte zu Personen von früher und sprechen Sie über die Erlebnisse von früher mit ihnen? Wie fühlen Sie sich nach all den Jahren jetzt? Wie ist Ihr Verhältnis zur Schwester und zum jüngeren Bruder jetzt? Reden Sie über die alten Zeiten, wenn Sie sich treffen? Haben Sie mit Ihren Kindern schon mal darüber gesprochen und wie haben die reagiert? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an den Straßen entlang gehen, die mal voller Trümmerhaufen waren?
Mich hat beeindruckt, wie Frau Priller nach ihrer schlechten Vergangenheit frei darüber sprechen konnte. Ich habe auch bemerkt, dass sie manchmal tränende Augen bekam. Ich wohne vor dem Genovevabad wo früher der Bunker war, wovon sie erzählte. Ich könnte es mir gar nicht vorstellen in einem Trümmerhaufen zu sitzen und Jahre lang in einen Bunker zu flüchten. Zum Schluss will ich sagen, dass die Frau Priller eine starke Frau ist.
Ahmet Ibis Schüler Klasse 10.2.2. · Gesamtschule Holweide
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