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Stadt Köln Mülheim
  Gerda Nitz   
 
 geb. 14.03.29, wohnte in der Windmühlenstrasse. Die Mutter arbeitete bei der Molkerei Hockerts, der Vater war Kranführer im Mülheimer Hafen (kriegswichtiger Betrieb). Ein Halbbruder, geb. 1918, war Soldat, Flakbatterie Düsseldorf, als Ausbilder. Volksschule 1934 oder 1935, in der Südschule/ Windmühlenstrasse.  Kinderlandverschickung für sechs Wochen 1938/39 nach Brieselang bei Berlin.
Sie machte direkt nach der Schule das Pflichtjahr als Haushaltshilfe bei Familie Frank in Thielenbruch. Ausgebombt am 28.10.44 und evakuiert nach Pölzfeld bei Sangerhausen, in
einem Zimmer mit ihrer Mutter, der Vater durfte nicht mit.
Im Mai 1945 kamen beide zurück nach Köln, die Rückreise dauerte 1 Woche. Der Vater hatte die Wohnung eines Parteigenossen besetzt, dort kam die Familie erst einmal unter.

Schule
Ich war in der katholischen Volksschule, in der Südschule. Ich
hatte einen Rektor, der hieß Platz und hatte immer eine braune Uniform an. Da mussten wir immer, Hand hoch, Heil Hitler grüßen. Das
Kreuz wurde weggetan. Da kam der Adolf Hitler hin. Grüßen mussten wir immer auf dem Schulhof. Dann wurde die Hakenkreuzfahne hochgezogen. Und dann mussten wir ab dem 4. Schuljahr singen: „Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen, SA marschiert...“ Jeden Morgen, ab dem 4 Schuljahr. Ich war in keinem Verein. Mein Vater wollte das nicht. BDM, nein.
Die Fächer: Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Rechnen. Das waren die Grundfächer. Dann kam, nachdem ich älter wurde, Handarbeit, Turnen auch, Stricken: Pulswärmer für Soldaten, Socken für Soldaten.

Edelweißpiraten
Das war im Stadtgarten. Da bin ich nie hingegan
gen. Da war mein Vater gegen. Das war ihm zu gefährlich.

Pflichtjahr
Nach der Schule, da war ich vierzehn, da musste ich ins
sogenannte Pflichtjahr. Da war ich ein halbes Jahr in Thielenbruch. Die Leute hatten drei Kinder. Ich brauchte nur halbtags arbeiten, von
8 bis 2 Uhr, weil meine Mutter voll beschäftigt war. Es gab im Monat 20 Reichsmark. Und ich musste das Fahrgeld bezahlen. Ich bekam nichts zu Essen, weil ich nur halbe Tage da war. Wenn ich montags kam, musste ich die Schuhe putzen, den Spül von samstags und sonntags.
Er war Parteimitglied. Ich habe mich gewundert. Soldaten
halfen ihm. Er musste ins Protektorat nach Böhmen und Mähren, so hieß das ja, mit der ganzen Familie. Nach dem halben Jahr musste ich mich beim Arbeitsamt melden. Dann war ich am Wiener Platz. Die Frau war krank. Der eine Sohn war gefallen.

Windmühlenstraße
Die Windmühlenstraße war eine lange
Geschäftsstraße. Da war Busak, ein sehr schönes Textilgeschäft. Busak war ein Jude. Da haben wir eingekauft. Meine Mutter ist gerne zu einem jüdischen Arzt gegangen. Es hängt ein Schild hier an dem Gymnasium, zu Ehren des Arztes Speier-Holstein.

Arbeit
Mein Vater war dreißig Jahre am Mülheimer Hafen und hat
nicht viel verdient. Er war gelernter Schlosser. Er war vom 1. Weltkrieg verwundet, hatte einen Lungensteckschuss und einen Armschuss. Er konnte den Arm nicht mehr so ganz gerade bewegen, und trotzdem hat man ihn noch zum Volkssturm eingezogen. Er war gegen das ganze Regime.
Er war nicht damit einverstanden.


Krieg
Alle wurden eingezogen. Auch die Frauen. Meine Mutter war
damals 50 Jahre, und da musste sie eben 48, 50, 55 Stunden arbeiten bei der Firma Hockerts. Daheim haben wir immer mit Zudecken den englischen Sender gehört. Wir hatten einen ganz schwarzen Volksempfänger und auf verschiedenen Frequenzen war ein bestimmtes Signal.

Schwarzer Samstag 28. Oktober 1944
Die Bomben waren sehr
dicht. Wir haben alle auf der Erde gelegen. Durch den Luftdruck gab
es keine Fenster und Türen mehr. Und auf der Straße war ein wahnsinnig riesiges Feuer. Da kam meine Mutter vom Hockerts gelaufen. Und beim Hockerts in dem Haus, da sind alle umgekommen.
Mein Cousin der war in der Lehre, der musste samstags bei Klöckner arbeiten. Ich vergesse es nicht, beim Angriff durften die Leute da mal raus, gucken ob noch einer lebte, dass er da geschrieen hat: Mama, Mama, ich kann nit mih!

 Foto links: Gerda Nitz (oben
rechts), ihre Freundin (Mitte) und
links deren Mutter, Frau Salten-
berger, in deren Keller Frau Nitz
den Angriff am 28.10.44 über-
lebte. Das Baby rechts ist Frau
Nitz Cousine, das Baby links
starb bei einem Angriff im Keller
der Firma Hockerts. 

   
Fotodokument vom Geschäftsboykott des jüdischen Kaufmanns Meyer,Wallstrasse. Zu erkennen ist ein SA-Mann mit Armbinde vor dem Geschäft, vor dem auch einige Demonstranten mit Schildern wie „Kauft nicht bei Juden“ stehen. (Foto: mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Blaschke)

 
Mülheimer Edelweißpiraten im Sommer 1943 auf Fahrt in Königswinter.
Einige von ihnen griffen später die Dienststelle der „Hitler-Jugend“ in Mülheim an. (Foto: Ns-Dok)